700 Augenverletzungen in drei Tagen: Was fand die UNO hinter Irans Niederschlagung im Januar?

Zwischen dem 8. und 10. Januar 2026 suchten über 700 Menschen ein einziges Spital in Teheran, Farabi, wegen Augenverletzungen auf. Die Zahl steht im Bericht der Unabhängigen internationalen Untersuchungsmission der UNO zu Iran vom September 2026, wie ihn das Center for Human Rights in Iran (CHRI) zusammenfasst.
Diese drei Tage waren die gewaltsamste Phase der Niederschlagung von Protesten, die am 28. Dezember 2025 begonnen hatten. Die Mission kam zum Schluss, dass das Vorgehen des Staates Handlungen umfasste, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen – Tötung, Freiheitsentzug, Folter und andere unmenschliche Handlungen –, begangen als Teil eines «ausgedehnten und systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung».
Der Befund ist wichtig, weil das Ausmass der Tötungen umstritten bleibt. Monate später kann niemand, auch die UNO nicht, genau sagen, wie viele Menschen starben.
Wie wurde aus Protesten gegen hohe Preise ein landesweiter Aufstand?
Die Proteste begannen wegen wirtschaftlicher Not und wuchsen zu landesweiten Forderungen nach einem Ende der Herrschaft der Geistlichen, berichtete Reuters Mitte Januar und sprach von den schwersten inneren Unruhen seit der Revolution von 1979. Laut der UNO-Mission kam es in allen 31 Provinzen zu Tötungen in grossem Ausmass, besonders viele in Teheran, Karadsch, Maschhad, Isfahan und Rascht.
Am 8. Januar kappten die Behörden landesweit Internet und Mobilfunk. Laut der Mission dauerte die Abschaltung fast fünf Monate – die längste je verzeichnete landesweite Abschaltung. Nach rund 200 Stunden ohne Netz mass die Beobachtungsgruppe NetBlocks eine Verbindung von etwa 2 Prozent des Normalniveaus, so Reuters.
Warum gehen die Opferzahlen so weit auseinander?
Jede Zählung entstand unter dieser Informationssperre, und jede stieg, sobald neue Informationen nach aussen drangen:
- 17. Januar: Die in den USA ansässige Human Rights Activists News Agency (HRANA) meldete 3090 bestätigte Todesfälle, darunter 2885 Demonstrierende (Reuters, via Al-Monitor).
- 21. Januar: In der ersten offiziellen Bilanz nannte Irans Märtyrerstiftung 3117 Tote, davon 2427 Zivilpersonen und Sicherheitskräfte, berichtete Al Jazeera. Am selben Tag zählte HRANA 4519 Tote, darunter 4251 Demonstrierende, 197 Sicherheitskräfte und 35 Minderjährige; weitere 9049 Todesfälle wurden geprüft.
- 1. Februar: HRANA hatte 6563 Todesfälle bestätigt, berichtete RFE/RL; die meisten Toten seien am 8. und 9. Januar gemeldet worden, andere Schätzungen lägen «um ein Vielfaches höher».
Die UNO-Mission erklärte, sie habe keine endgültige Zahl ermitteln können, weil Regierungsdaten zu wenig detailliert seien und von denen glaubwürdiger Organisationen abwichen. Sie habe aber «triftige Gründe zur Annahme», dass die tatsächliche Zahl der Toten und Verletzten deutlich über der offiziellen liege.
Wer wurde sonst ins Visier genommen?
Eine glaubwürdige Menschenrechtsorganisation dokumentierte mindestens 221 getötete Kinder – laut Mission keine abschliessende Zahl. Glaubwürdige Organisationen berichteten von Zehntausenden Festnahmen. Gesundheitseinrichtungen in mindestens neun Provinzen waren Berichten zufolge überlastet, und die Mission dokumentierte Behinderungen der medizinischen Versorgung.
Dann folgte die Todesstrafe. 2026 wurden laut der Mission mindestens 58 Menschen wegen sicherheitsbezogener Vorwürfe hingerichtet, 29 davon seit März im Zusammenhang mit den Protesten. Über 70 Menschen, darunter Frauen und Jugendliche, drohte Berichten zufolge die unmittelbare Hinrichtung oder ein Todesurteil. Mindestens drei zum Tod Verurteilte waren zur Zeit der mutmasslichen Taten unter 18, darunter zwei 17-jährige Jungen; solche Urteile seien «nach den internationalen Menschenrechtsnormen absolut verboten», hielt die Mission fest.
Im Januar hatte US-Präsident Donald Trump mit «sehr starken Massnahmen» gedroht, falls Iran Demonstrierende hinrichte, und danach erklärt, Irans Führung habe geplante Hinrichtungen abgesagt, so Reuters. Iran hatte diese Hinrichtungen weder angekündigt noch deren Absage bestätigt.
Was wir nicht wissen
- Die Zahl der Toten. HRANA zählt nur bestätigte Todesfälle, die Regierungszahl ist tiefer und teilweise unerklärt, und die Internetsperre verdeckte vieles.
- Wie viele der Festgenommenen noch in Haft sind und unter welchen Anklagen.
- Wie umfassend die Belege der Mission sind: Sie befragte 73 Personen – eine kleine Stichprobe für eine landesweite Niederschlagung.
Wie geht es weiter?
Ein Befund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit bringt allein noch niemanden vor Gericht. Er schafft eine dokumentierte Grundlage. Die nächsten Prüfsteine: ob die über 70 von der Hinrichtung bedrohten Menschen verschont werden – und ob diese Grundlage je eine Instanz erreicht, die handeln kann.
Quellen
- Center for Human Rights in Iran: UN — Iranian authorities committed crimes against humanity in January 2026 suppression of nationwide protests (24 September 2026)
- Reuters via Al-Monitor: Death toll in Iran protests over 3,000, rights group says (17 January 2026)
- Al Jazeera: At least 3,117 people killed during Iran protests, state media reports (21 January 2026)
- RFE/RL (Radio Farda): Faces behind the numbers — Iran protesters killed (1 February 2026)
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