Drei Wochen, die den Nordosten Syriens neu ordneten – was kostete der Zusammenbruch der SDF, und wer bewacht jetzt die IS-Gefangenen?

Am 10. Januar 2026 zog sich die kurdische Polizei aus dem letzten kurdischen Viertel Aleppos zurück, und syrische Regierungstruppen übernahmen die Kontrolle über die ganze Stadt. Mehrere Tausend Kurdinnen und Kurden flohen nach Afrin und in kurdisch kontrollierte Gebiete östlich des Euphrat, wie die Zusammenstellung von ACCORD/ecoi.net zur Krise festhält.
Acht Tage später kontrollierte die Regierung den grössten Staudamm Syriens.
Im Januar nahm Damaskus den von den USA unterstützten, kurdisch geführten Demokratischen Kräften Syriens (SDF) einen grossen Teil des Gebiets ab, das sie jahrelang gehalten hatten – jenes Gebiet, in dem sie Tausende mutmassliche Kämpfer des Islamischen Staats (IS) bewachten. Für die Zivilbevölkerung im Nordosten bedeutete das Vertreibung und Belagerung. Für alle anderen stellt sich die Frage, was mit diesen Gefängnissen geschieht.
Wie begannen die Kämpfe?
Anfang Januar brachen in Scheich Maksud und Aschrafiyeh, den kurdischen Vierteln Aleppos, heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen, regierungstreuen Milizen und SDF-nahen Kräften aus, so die ecoi.net-Zusammenstellung unter Berufung auf das Middle East Institute. Laut Associated Press wurden dabei 23 Menschen getötet und Zehntausende vertrieben.
Beide Seiten werfen einander vor, ein Abkommen vom März über die Eingliederung des Nordostens und der kurdisch geführten Kräfte in den Staat verletzt zu haben, berichtete AP. Nach dem Ende der Kämpfe in Aleppo kündigte SDF-Chef Mazloum Abdi den Rückzug seiner Kräfte östlich des Euphrat an und verknüpfte dies mit Massnahmen für die Rechte der Kurden, die Präsident Ahmed al-Scharaa angekündigt hatte.
Warum verschob sich die Front so schnell?
Am 16. Januar kündigte das Übergangs-Verteidigungsministerium eine Operation zur Einnahme von Deir Hafer und Maskana an; beide fielen innert rund 24 Stunden, wie die von ecoi.net gesammelten Berichte zeigen. Am 17. Januar starteten Einheiten des Verteidigungs- und des Innenministeriums sowie verbündete Stammesmilizen eine Offensive von Rakka und Deir ez-Zor aus.
Am 18. Januar meldeten die Staatsmedien, die Armee kontrolliere Tabqa und dessen Militärflughafen vollständig, berichtete Al Jazeera. Informationsminister Hamza al-Mustafa sagte, die Truppen hätten den Euphrat-Staudamm gesichert, den er als «grössten Syriens» bezeichnete. Regierungstruppen nahmen das Ölfeld al-Omar ein, das grösste des Landes, so Reuters laut Al Jazeera; die staatliche Ölgesellschaft erklärte, die Felder Rasafa und Sufyan könnten die Förderung wieder aufnehmen.
Viele der eroberten Gebiete sind mehrheitlich arabisch. AP bezeichnete Tabqa als jüngstes überwiegend arabisches Gebiet, das in der Provinz Rakka eingenommen wurde, und die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, Regierungstruppen hätten nach dem Rückzug der SDF mehr als ein Dutzend Dörfer und Ortschaften im Osten von Deir ez-Zor übernommen.
Was werfen sich die Seiten gegenseitig vor?
Damaskus beschuldigte die SDF, vor dem Rückzug in Tabqa Gefangene hingerichtet zu haben. Die SDF wiesen dies zurück: Sie hätten die Häftlinge aus dem Gefängnis gebracht, und Regierungstruppen hätten auf die Anlage geschossen, berichtete AP. Ein SDF-Video zeigte bewaffnete Männer in Zivil, die Munition an sich nahmen; Leichen waren nicht zu sehen.
Die Autonome Administration Nord- und Ostsyriens warf Damaskus vor, ein Rückzugsabkommen gebrochen zu haben und «an mehreren Fronten» anzugreifen, so Al Jazeera. Der Analyst Charles Lister, zitiert von ecoi.net, nannte Vorwürfe gegen beide Seiten: Leichenschändung und ungelenkte Munition in Wohngebieten durch Regierungstruppen, die Tötung von fast 20 Zivilpersonen durch Scharfschützen und mehrere aussergerichtliche Hinrichtungen durch kurdische Kämpfer.
Was geschah mit den IS-Häftlingen?
Während der Offensive warnte der Analyst Rob Geist Pinfold vom King's College London vor dem Risiko, dass rund 10 000 von der kurdischen Gruppe festgehaltene IS-Gefangene entkommen könnten, berichtete Al Jazeera.
Um den 19./20. Januar flohen tatsächlich mutmassliche IS-Mitglieder aus einem Gefängnis in Schaddadi. Die Zahlen gehen auseinander, laut The Guardian, zitiert von ecoi.net:
- Syrische Regierung: rund 120 Geflohene.
- SDF: 1500 Geflohene.
- Offizielle Angaben: 81 Personen nach Ausgangssperre und Durchsuchungen wieder gefasst.
Am 21. Januar meldete Reuters, die USA hätten begonnen, IS-Häftlinge von Syrien in den Irak zu verlegen – 150 im ersten Transfer, bis zu 7000 weitere geplant. Im Rahmen der Waffenruhe übernahm die syrische Armee das Lager al-Hol.
Hielt die Waffenruhe?
Auf eine am 18. Januar vereinbarte Waffenruhe folgten erneute Kämpfe. Am 24. Januar wurde sie um 15 Tage verlängert, verbunden mit der Aufforderung an die SDF, sich zu entwaffnen und einen Integrationsplan vorzulegen. Am 30. Januar einigten sich beide Seiten auf ein umfassendes Abkommen zur schrittweisen Eingliederung kurdischer militärischer und ziviler Institutionen in den Staat, wie France 24 und Reuters laut ecoi.net berichteten.
Regierungskonvois fuhren am 2. Februar in Hasaka und am Tag darauf in Qamischli ein. Die SDF sollen in vier Brigaden umgebaut werden, und US-Truppen zogen am 5. Februar aus dem Stützpunkt al-Schaddadi ab.
Was kostete es die Zivilbevölkerung?
Anfang März meldete das UNO-Nothilfebüro OCHA 116 900 weiterhin Vertriebene in 165 Gemeinden der Provinzen Aleppo und Hasaka; Stromausfälle beeinträchtigten Wasserpumpwerke und die medizinische Versorgung. Am 11. März war Kobane seit über 50 Tagen belagert, Medikamente waren knapp, so ecoi.net. Ende Februar berichtete Asharq Al-Awsat über eine Zunahme von Einzeltäter-Anschlägen des IS in Rakka und Deir ez-Zor.
Was wir nicht wissen
- Wie viele Menschen insgesamt getötet wurden. Eine Gesamtzahl ist nicht veröffentlicht.
- Wie viele IS-Verdächtige aus Schaddadi flohen und wie viele noch flüchtig sind.
- Ob in Tabqa Gefangene hingerichtet wurden. Weder der Vorwurf noch das Dementi sind unabhängig überprüft.
Worauf zu achten ist
Das Abkommen vom 30. Januar überführt Kämpfer, Polizei und Institutionen der SDF schrittweise in den Staat: Im Februar wurde ein Gesandter des Präsidenten ernannt, im März sollte ein Gefangenenaustausch beginnen. Ob diese Integration hält und wer die verbleibenden IS-Häftlinge und Lager bewacht, entscheidet, ob sich der Nordosten Syriens stabilisiert oder zur nächsten Front wird.
Quellen
- Al Jazeera: Syrian forces capture Tabqa and dam amid swift Raqqa offensive (18. Januar 2026)
- AP via Jamaica Gleaner: Government forces seize strategic town in Raqqa from Kurdish forces (19. Januar 2026)
- ACCORD / ecoi.net: Informationssammlung zu den SDF und den kurdischen Gebieten (Januar–März 2026)
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