Abgeschaltete Kameras, ein namenloser Täter: Was der Tod von Saif al-Islam Gaddafi für Libyens blockierte Wahl bedeutet

Bevor sie eindrangen, schalteten die Angreifer die Kameras aus. So beschrieb das politische Team von Saif al-Islam Gaddafi seine Tötung am 3. Februar 2026: «vier maskierte Männer» hätten sein Haus in Zintan, rund 136 km südwestlich von Tripolis, gestürmt, nachdem sie die Überwachungskameras ausser Betrieb gesetzt hätten – in einem «verzweifelten Versuch, die Spuren ihrer abscheulichen Verbrechen zu verwischen», berichtete Al Jazeera. Das Team sprach von einem «feigen und heimtückischen Mord».
Der 53-Jährige war der bekannteste Sohn Muammar al-Gaddafis, des 2011 getöteten libyschen Machthabers. Sein Anwalt Khaled al-Zaidi und sein politischer Berater Abdulla Othman gaben den Tod auf Facebook bekannt.
Seit Jahren war er der umstrittenste Name der libyschen Politik: vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, in Abwesenheit zum Tod verurteilt – und dennoch Präsidentschaftskandidat. Seine umstrittene Kandidatur trug dazu bei, die Wahl von 2021 zum Scheitern zu bringen. Sein Tod beseitigt diesen Kandidaten, nicht aber die Frage, wer antreten darf und wer darüber entscheidet.
Was geschah in Zintan?
Die libysche Generalstaatsanwaltschaft erklärte, die rechtsmedizinische Untersuchung habe Schussverletzungen als Todesursache ergeben, und leitete Ermittlungen zur Identifizierung von Verdächtigen ein, berichtete The New Arab. Laut Libya Security Monitor trat er den Angreifern in seinem Garten entgegen und wurde von 19 Kugeln getroffen, eine davon in den Kopf; als Todeszeitpunkt wurde später 17.57 Uhr festgestellt.
Es gibt eine zweite Darstellung. Il Sole 24 Ore berichtete unter Berufung auf Al Arabiya, Libya al-Ahrar und eine der Familie nahestehende Quelle, er sei «nach heftigen bewaffneten Gefechten» im Gebiet von Zintan getötet worden; Kämpfe zwischen lokalen Milizen und Milizen, die dem früheren Regime treu sind, hätten an jenem Nachmittag mehrere Stunden gedauert. Demselben Bericht zufolge sollen vier Täter ihn «schwer verletzt haben, als er sich im Garten seines Hauses aufhielt», und seien dann geflohen.
Die mit Tripolis verbundene Brigade 444 bestritt jede Beteiligung; sie habe «keinen Feldeinsatz in Zintan» gehabt, so The New Arab. Lokale Quellen sagten dem Medium, Sicherheitseinheiten, die früher für seinen Schutz zuständig waren, hätten das Gebiet danach abgeriegelt. Unklar ist, wer ihn bewachte und wie die Angreifer hineingelangten.
Warum zählte ein einzelner Mann so viel?
1972 in Tripolis geboren und an der London School of Economics ausgebildet, leitete er ab den frühen 2000er-Jahren die Annäherung Libyens an den Westen, darunter Gespräche über Massenvernichtungswaffen und Entschädigungen für die Lockerbie-Opfer, berichtete Al Jazeera. 2011 unterstützte er die Niederschlagung des Aufstands. «Wir kämpfen hier in Libyen, wir sterben hier in Libyen», sagte er damals Reuters.
Eine Miliz nahm ihn in der Wüste fest, als er nach Niger fliehen wollte, und flog ihn nach Zintan. Ein Gericht in Tripolis verurteilte ihn 2015 in Abwesenheit zum Tod, der IStGH suchte ihn wegen mutmasslicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Später kam er im Rahmen einer Amnestie frei und lebte jahrelang versteckt in Zintan.
Im November 2021 kündigte er seine Präsidentschaftskandidatur an. Wegen seiner Verurteilung wurde er ausgeschlossen; als er Berufung einlegte, blockierten Bewaffnete das Gericht. Der Streit trug zum Scheitern der Wahl und zur Rückkehr in die politische Blockade bei, so Al Jazeera. Die von der UNO unterstützten Wahlen zur Einigung des Landes sind auf unbestimmte Zeit verschoben, hielt Africanews fest; Libyen bleibt zwischen rivalisierenden Regierungen im Osten und Westen geteilt.
Wer reagierte – und wer schwieg?
Khaled al-Mishri, früherer Vorsitzender des Hohen Staatsrats, forderte eine «dringende und transparente Untersuchung», so Al Jazeera. Mohamed al-Menfi, Vorsitzender des Präsidialrats, mahnte zur Zurückhaltung bis zum Abschluss der Ermittlungen und warnte, aufhetzende Rhetorik könne Versöhnung und Wahlen untergraben. Vizepräsident Moussa al-Kouni schrieb: «Nein zu politischen Morden, nein zur Gewalt und nein dazu, Forderungen mit Gewalt durchzusetzen», berichtete The New Arab.
Premierminister Abdul Hamid Dbeibah sagte, «libysches Blut, gleich wem es gehört, ist eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf», und die UNO-Mission forderte eine rasche, transparente Untersuchung, so Libya Security Monitor. Das Medium hielt fest, dass sich die Behörden im Osten nicht öffentlich äusserten.
Er wurde am 6. Februar nach dem Freitagsgebet in Bani Walid, rund 175 km südlich von Tripolis, neben seinem Bruder Khamis beigesetzt. Tausende Anhänger zogen mit Porträts seines Vaters und der grünen Flagge aus der Zeit vor 2011 durch die Stadt, berichtete Libya Security Monitor. Sein Sonderbeauftragter Omar Abu Sharida sagte, sein Team werde «keine Partei des Mordes beschuldigen, bevor die Generalstaatsanwaltschaft ihre Ermittlungen abgeschlossen hat».
Was wir nicht wissen
- Wer ihn tötete und warum. Am 5. März teilte die Staatsanwaltschaft mit, sie habe die Festnahme von drei Verdächtigen angeordnet und wisse, wann und wo die Tat geschah, nannte aber keine weiteren Einzelheiten, berichtete Africanews. Niemand wurde öffentlich genannt, keine Gruppe hat sich bekannt.
- Wie es geschah. Sein politisches Team beschreibt einen Überfall auf sein Haus; eine von Il Sole 24 Ore zitierte Familienquelle spricht von Milizgefechten rund um Zintan. Beide Darstellungen verorten den letzten Angriff in oder bei seinem Garten.
- Wann er freikam. Al Jazeera und Africanews nennen 2017; Il Sole 24 Ore den 5. Juli 2016, im Rahmen einer Amnestie von 2015.
Worauf zu achten ist
Die Ermittlungen sind der erste Prüfstein: Führen die drei Haftbefehle zu namentlich bekannten Verdächtigen und einem Prozess – in einem Land, in dem Bewaffnete schon Gerichte blockiert haben? Der zweite ist politisch. Saif al-Islams Kandidatur war eines der Hindernisse für die Wahl von 2021. Nun ist zu beobachten, ob sich die rivalisierenden Behörden auf Regeln für eine neue Wahl einigen – oder ob sein Tod zu einem weiteren Groll in der Pattsituation wird.
Quellen
- Al Jazeera – Saif al-Islam Gaddafi, son of former leader, killed in Libya (3. Februar 2026)
- Il Sole 24 Ore – Saif Kadhafi killed in militia clashes in Zintan (3. Februar 2026)
- The New Arab – Everything we know about the killing of Saif al-Islam Gaddafi (4. Februar 2026)
- Libya Security Monitor – Saif Al-Islam Al-Qadhafi laid to rest in Bani Walid amid investigation (Februar 2026)
- Africanews – Libyan authorities order the arrest of three suspects in killing of Saif al-Islam Gaddafi (6. März 2026)
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