Pakistan erklärte den Taliban den «offenen Krieg» – wie wurde ein Suchtspital in Kabul zum Ziel seines tödlichsten Angriffs?

Am 16. März 2026 gegen 21 Uhr hörte ein AP-Reporter in der Nähe des internationalen Flughafens von Kabul ein Militärflugzeug über sich, dann eine sehr heftige Explosion. Getroffen war das Omid-Spital für Suchtbehandlung, eine Einrichtung mit 2000 Betten; grosse Teile davon wurden zerstört, berichtete Associated Press. Am nächsten Tag zogen Rettungskräfte Menschen mit Kränen aus den Trümmern. Die meisten, die sie erreichten, waren tot.
Der Sprecher des afghanischen Innenministeriums sprach von mindestens 408 Toten und 265 Verletzten. Pakistan erklärte, es habe ein nahe gelegenes militärisches Ziel getroffen, und nannte die Vorwürfe zum Spital «völlig haltlos».
Der Angriff erfolgte weniger als drei Wochen, nachdem Pakistans Verteidigungsminister den «offenen Krieg» mit der Taliban-Regierung ausgerufen hatte. Er wurde zu einem der tödlichsten Einzelangriffe in einem Konflikt zwischen zwei Nachbarn, die eine lange Grenze, militante Netzwerke und Millionen Vertriebene verbinden – und in dem bisher keine Waffenruhe gehalten hat.
Wie begann der «offene Krieg»?
Am 26. und 27. Februar flog Pakistan Luftangriffe auf Kabul, Kandahar im Süden und die Provinz Paktia im Südosten, berichtete The Irish Times unter Berufung auf AP. Pakistan bezeichnete sie als Vergeltung für afghanische Angriffe über die Grenze. Laut AP waren diese ihrerseits eine Antwort auf frühere pakistanische Luftangriffe, bei denen nach Angaben Kabuls Zivilisten getötet worden waren.
Wenige Stunden später schrieb Verteidigungsminister Khawaja Mohammad Asif auf X: «Unsere Geduld ist nun am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns.» Er warf den Taliban vor, Afghanistan zu einer «Kolonie Indiens» gemacht zu haben und «Terrorismus zu exportieren», ohne Einzelheiten oder Belege zu nennen. Indien weist Pakistans wiederholte Vorwürfe zurück, es unterstütze die Befreiungsarmee Belutschistans und die pakistanischen Taliban.
Die Kämpfe brachen eine Waffenruhe, die Katar und die Türkei Monate zuvor vermittelt hatten; AP spricht von einer von Katar vermittelten Waffenruhe vom Oktober. Pakistan nannte seine am 26. Februar begonnene Kampagne «Operation Ghazab lil Haq», wie aus einem UNO-Bericht hervorgeht, den KabulNow zusammenfasst.
Wer hat wie viele Verluste – und lässt sich das überprüfen?
Die ersten Verlustangaben der beiden Seiten liegen weit auseinander. Es folgen die eigenen Zahlen jeder Partei; The Irish Times hält fest, dass keine davon unabhängig überprüft werden konnte:
- Afghanisches Verteidigungsministerium: 55 pakistanische Soldaten getötet und «mehrere weitere» lebend gefangen genommen; 8 afghanische Soldaten getötet und 11 verletzt; 19 pakistanische Posten und zwei Stützpunkte zerstört.
- Pakistans Informationsminister Attaullah Tarar: 2 pakistanische Soldaten getötet und 3 verletzt.
- Mosharraf Ali Zaidi, Sprecher von Premierminister Shehbaz Sharif: mindestens 133 afghanische Kämpfer getötet und über 200 verletzt, 27 afghanische Posten zerstört, 9 Kämpfer gefangen genommen. Er bestritt, dass pakistanische Soldaten in Gefangenschaft geraten seien.
Die zivilen Opfer sind besser dokumentiert, weil die UNO sie zählt. Zwischen dem 26. Februar und der Nacht des Spitalangriffs hatte die UNO-Hilfsmission in Afghanistan mindestens 76 getötete und 213 verletzte Zivilpersonen erfasst, teilte die UNAMA am 17. März mit. Ein einziger Angriff sollte diese Zahl vervielfachen.
Was geschah im Omid-Spital?
Das Spital war etwa ein Jahr zuvor umbenannt und erweitert worden; zuvor hiess es Ibn-Sina-Spital für Drogensuchtbehandlung, berichtete AP. Es liegt neben dem ehemaligen Nato-Stützpunkt Camp Phoenix, den die Taliban nach 2021 übernahmen; was sich heute dort befindet, konnte AP nicht klären.
Pakistans Informationsministerium erklärte, das Militär habe Camp Phoenix als Munitions- und Materiallager «präzise angegriffen», das Spital liege mehrere Kilometer entfernt. AP wies darauf hin, dass Google Maps einen weiteren Ort östlich von Kabul ebenfalls als Camp Phoenix verzeichnet und die Distanzangabe nicht überprüfbar war. Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid nannte den Angriff ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit; die Toten seien unschuldige Zivilisten und Suchtkranke.
Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle:
- Afghanisches Innenministerium (17. März, via AP): mindestens 408 Tote, 265 Verletzte.
- Angaben der Taliban gegenüber der UNAMA: über 411 Tote und über 261 Verletzte, laut KabulNow.
- UNAMA, unabhängig verifiziert (Bericht vom Mai): 269 Tote und 122 Verletzte – mit dem Hinweis, die tatsächliche Zahl könne «deutlich höher» liegen, da nicht alle Opfer erfasst werden konnten.
Pakistans Botschaft in Kabul teilte der UNAMA mit, die Angriffe hätten sich «ausschliesslich gegen terroristische und militärische Infrastruktur» gerichtet, und bestritt, ein Spital oder eine zivile Einrichtung angegriffen zu haben.
Wie hoch ist die zivile Opferzahl bisher?
Für die ersten drei Monate 2026 zählte die UNAMA mindestens 372 getötete und 397 verletzte Zivilpersonen in den Kämpfen zwischen Pakistan und den Taliban, so die Zusammenfassung des Berichts durch KabulNow. Mehr als die Hälfte davon geht auf den Angriff auf das Omid-Spital zurück. Luftangriffe verursachten 62 Prozent aller zivilen Opfer, Artillerie- und Mörserbeschuss entlang der Grenze 35 Prozent.
Per 1. April waren innerhalb Afghanistans rund 94 000 Menschen vertrieben. Das kommt zu einer früheren Bewegung hinzu: Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk kehrten 2025 2,9 Millionen Menschen nach Afghanistan zurück, und Pakistan weist seit Oktober 2023 Migrantinnen und Migranten ohne Papiere aus, berichtete The Irish Times.
Was wir nicht wissen
- Die tatsächlichen militärischen Verluste beider Seiten. Alle Zahlen vom Februar sind Angaben der Kriegsparteien; keine wurde unabhängig überprüft.
- Was sich am 16. März allenfalls in Camp Phoenix befand und wie weit der Einschlag davon entfernt war.
- Die endgültige Opferzahl im Spital. Die verifizierte UNAMA-Zahl ist eine Untergrenze, keine Bilanz.
Worauf zu achten ist
Bis Mai gab es keine Vereinbarung zur Einstellung der Kämpfe, an der Grenze kam es immer wieder zu Gefechten, und Handel, Transit und Landverkehr zwischen den beiden Ländern waren seit rund acht Monaten unterbrochen, berichtet KabulNow. China, Russland, die Türkei und Saudi-Arabien haben Vermittlung angeboten. Die UNO hat wiederholt eine sofortige Waffenruhe gefordert und daran erinnert, dass Angriffe auf Spitäler «strikt verboten» sind. Ob eines dieser Angebote zu Verhandlungen führt, ist die entscheidende Frage für die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten der Grenze.
Quellen
- The Irish Times / AP: Pakistan says it is in 'open war' with Afghanistan (27. Februar 2026)
- AP via Anchorage Daily News: Afghanistan blames Pakistan for Kabul hospital strike (17. März 2026)
- UNAMA: Erklärung zu einem Luftangriff auf eine medizinische Einrichtung in Kabul (17. März 2026)
- KabulNow: UNO – 372 getötete und 397 verletzte Zivilpersonen in drei Monaten (Mai 2026)
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