Hacker heizten Supermarkt-Kühlschränke auf 50 °C — wie brachten alte Steuerungen Frankreichs Lebensmittelregale in Gefahr?

In der Nacht von Sonntag, 11., auf Montag, 12. Oktober 2026, begannen die Kühlschränke in Hunderten französischen Supermärkten warm zu werden. Die Angreifer hatten aus der Ferne das Zwangsabtauen der Kühlanlagen ausgelöst, berichtete der Sender BFM TV, so die AFP. In einigen Anlagen erreichte die Temperatur 50 °C, berichtete Le Monde Informatique.
Am Montag wies Intermarché die betroffenen Filialen an, «alle Produkte» – frische und tiefgekühlte – «wegzuwerfen».
Warum ist ein Angriff auf Kühlschränke wichtig?
Weil er direkt von einem Computernetz auf die Lebensmittelversorgung durchschlug. Dominique Schelcher, Chef von Coopérative U, nannte den Angriff «beispiellos» und schrieb: «Das ist inakzeptabel.» EU-Agrarkommissar Christophe Hansen schrieb, «die Ernährungssicherheit verlangt auf allen Ebenen mehr Aufmerksamkeit».
Die Pariser Staatsanwaltschaft teilte mit, der Angriff habe auch Brände ausgelöst.
Was wurde angegriffen?
Ziel waren Kühlsteuerungen des dänischen Herstellers Danfoss, die Temperaturen, Abtauzyklen und Fernbedienung regeln. Danfoss erklärte, die meisten betroffenen Geräte seien «ältere» Produkte, die «keine Software- oder Sicherheitsupdates mehr erhalten», und nannte die Regler AK-SM800 und AK-SC355, so die AFP.
Am Montag fand Baptiste Robert, Chef der Sicherheitsfirma Predicta Lab, 2752 Danfoss-Systeme offen im Internet, 1590 davon in Frankreich, berichtete BleepingComputer. 2025 hatte die US-Cyberbehörde CISA vor zwei Schwachstellen in den Verwaltungsoberflächen der Danfoss AK-SM 800A gewarnt, darunter eine, mit der sich die Authentifizierung umgehen lässt. BleepingComputer bestätigte nicht, dass eine davon bei diesem Angriff genutzt wurde, und schrieb, es gebe keine Informationen darüber, wie die Steuerungen kompromittiert wurden.
Wie viele Läden waren betroffen?
Jede Zahl hat ihre eigene Quelle, und sie stimmen nicht überein:
- Intermarché und Netto: mindestens 300 Läden laut AFP; rund 180 laut einer Erklärung der Gruppe gegenüber CNBC, zitiert von Forbes.
- Coopérative U: über 100 Filialen (AFP); weniger als 100 (Le Monde Informatique); 80 laut Unternehmen (Forbes).
- E.Leclerc: mehrere Läden; ein Cyberangriff habe «einen seiner Lieferanten von Kühlanlagen getroffen».
- Monoprix: rund dreissig Läden laut Le Monde Informatique. Auch Carrefour Market wurde genannt.
- Insgesamt: 250 bis 350 Läden (französische Medien, zitiert von BleepingComputer); fast 400 (BFM TV, zitiert von Le Monde Informatique); mindestens 350 (Forbes).
Was hat es gekostet?
Thierry Cotillard, Präsident der Gruppe Les Mousquetaires, zu der Intermarché gehört, sagte BFM TV, er rechne landesweit mit Verlusten von mehreren Dutzend Millionen Euro an einem einzigen Tag, berichtete Forbes. Schelcher bezifferte den Schaden auf Zehntausende Euro für einen kleinen und über 200 000 Euro für einen grösseren Laden. Intermarché erklärte, die Versicherung decke einen solchen Vorfall im Laden nicht.
Wer ermittelt?
Die Pariser Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren zum «gross angelegten Cyberangriff auf die Kühlanlagen mehrerer grosser Lebensmittelketten in ganz Frankreich». Es wurde dem nationalen Amt zur Bekämpfung der Cyberkriminalität (Ofac) unter Leitung der Abteilung für Cyberkriminalität übertragen; ermittelt werden sollen die Geschädigten und der Zusammenhang zwischen Angriff, Lebensmittelverlusten und gemeldeten Bränden.
Premierminister Sébastien Lecornu beauftragte laut seinem Umfeld die nationale Cybersicherheitsbehörde ANSSI mit dem Fall. Eine Lecornu nahestehende Quelle sagte der AFP, die Behörde habe eine Schwachstelle in der Software des dänischen Unternehmens gefunden und den Hersteller kontaktiert.
Was wir nicht wissen
- Wer dahintersteckt. Niemand hat sich bekannt, und eine verlässliche Zuordnung wurde nicht öffentlich gemacht – Stand der geöffneten Berichte (13.–14. Oktober 2026).
- Wie die Angreifer eindrangen. Ob bekannte Schwachstellen, schwache Zugangskontrollen oder anderes genutzt wurde, ist nicht öffentlich.
- Das tatsächliche Ausmass. Die Zahlen reichen von rund 250 bis fast 400 Läden, und die Angaben der Ketten weichen von jenen der Presse ab.
- Die Brände. Die Staatsanwaltschaft erwähnt sie, doch die geöffneten Quellen nennen weder Orte noch Schwere.
Worauf zu achten ist
Der frühere britische Cyberchef Ciaran Martin nannte es eines der seltsamsten Cyberereignisse, die er gesehen habe; Ken Munro von Pen Test Partners sprach gegenüber Reuters vor allem von elementarer digitaler Hygiene. Die Ermittlungen werden zeigen, wer näher an der Wahrheit liegt. So oder so gilt für alle Betreiber vernetzter Anlagen die Lehre, die Danfoss selbst formulierte: Hardware, die keine Sicherheitsupdates mehr erhält und aus dem Internet erreichbar bleibt, ist eine offene Tür.
Quellen
- AFP via Khaleej Times: French supermarkets suffer refrigerator shutdown after 'unprecedented' cyberattack (12. Oktober 2026)
- BleepingComputer: Cyberattack shuts down refrigerators at French supermarkets (12. Oktober 2026)
- Le Monde Informatique: Une cyberattaque perturbe les installations frigorifiques de centaines de supermarchés (13. Oktober 2026)
- Forbes Belgique: Cyberattaque contre des supermarchés en France (14. Oktober 2026)
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