Zwei Seiten, zwei Opferbilanzen: Was geschah am 31. Januar in Belutschistan?

Zu den Zielen am 31. Januar 2026 gehörte eine Arbeitersiedlung in der Hafenstadt Gwadar. Dort wurden nach Angaben des Chefministers von Belutschistan, Sarfraz Bugti, fünf Frauen und drei Kinder aus einer belutschischen Familie getötet, berichtet Gulf News.
Gwadar war eine von mindestens 12 Städten der pakistanischen Provinz Belutschistan, die an diesem Tag von koordinierten Selbstmord- und Schusswaffenangriffen getroffen wurden. Die verbotene Befreiungsarmee Belutschistans (BLA) bekannte sich dazu. In fast 40 Stunden Kämpfen wurden laut Provinzbehörden 31 Zivilisten, 17 Sicherheitskräfte und 145 Militante getötet.
Der Angriff stach durch sein Ausmass und seine Koordination hervor. Pakistanische Behörden und die BLA nennen sehr unterschiedliche Zahlen, und fast keine davon wurde unabhängig überprüft.
Wo schlugen die Angreifer zu?
Die Angriffe begannen fast gleichzeitig in der ganzen Provinz, sagte der Gesundheitsminister der Provinz, Bakht Muhammad Kakar, der Associated Press. In der Provinzhauptstadt Quetta wurden zwei Polizisten bei einem Granatenangriff auf ein Polizeifahrzeug getötet; die Regierung rief für alle Spitäler den Notstand aus.
Im Distrikt Mastung griffen Dutzende Aufständische ein Gefängnis an und befreiten mehr als 30 Häftlinge, so die Polizei. In Nushki versuchten Militante, das Provinzhauptquartier der paramilitärischen Kräfte zu stürmen, und wurden zurückgeschlagen. Bei Pasni und Gwadar versuchten Aufständische, Buspassagiere auf den Fernstrassen zu entführen (AP).
Einige Banken wurden ausgeraubt, ein Polizeiposten und Dutzende Fahrzeuge in Brand gesteckt. Die Aufständischen zerstörten zudem Bahngleise, weshalb Pakistan Railways die Züge von Belutschistan in den Rest des Landes einstellte. Die BLA veröffentlichte Videos, die Kämpferinnen bei den Angriffen zeigen, berichtete die AP.
Zu den weiteren Städten, die Gulf News nennt, gehört Panjgur. In Quetta verhinderten Sicherheitskräfte laut dem Chefminister, dass Militante in die «rote Zone» der Stadt eindrangen, und vereitelten den Versuch, mit einem Fahrzeug in ein wichtiges Ziel zu rasen.
Wie viele Menschen starben, und wer sagt das?
Die Zahlen änderten sich im Verlauf der Kämpfe. Am ersten Tag meldete Pakistans Armee 18 getötete Zivilisten und 15 getötete Sicherheitskräfte sowie 92 getötete Angreifer, berichtete die AP. Analysten sagten der Agentur, es sei seit Jahrzehnten der tödlichste Tag für Militante gewesen.
Einen Tag später nannte Chefminister Bugti höhere Zahlen: 31 tote Zivilisten und 17 tote Sicherheitskräfte, dazu 145 getötete Militante in fast 40 Stunden Einsatz. Die Leichen der Militanten befänden sich im Gewahrsam der Behörden, sagte er (Gulf News).
Die Darstellung der BLA ist eine ganz andere. In einer Erklärung, über die der indische Sender WION berichtete, gab die Gruppe an, 48 Orte in 14 Städten angegriffen und 84 Angehörige von Armee, Polizei, Nachrichtendiensten und Terrorabwehr getötet zu haben. Sie behauptete zudem, 18 Sicherheitskräfte gefangen genommen und sieben eigene Kämpfer verloren zu haben. WION gab dies als Angaben der Gruppe wieder, ohne unabhängige Bestätigung.
Auch die ersten offiziellen Zahlen wichen voneinander ab. Am ersten Tag sprach Innenminister Mohsin Naqvi laut WION von 10 getöteten Sicherheitskräften.
Wen beschuldigt Pakistan?
Die Armee und der Innenminister erklärten, die Angreifer seien von Indien unterstützt worden. Neu-Delhi reagierte nicht sofort; Indien hat solche Vorwürfe früher zurückgewiesen, berichtete die AP. Pakistan wirft belutschischen Separatisten zudem vor, afghanisches Gebiet für Angriffe in Pakistan zu nutzen, was Kabul bestreitet.
Bugti sagte, er habe nachrichtendienstliche Hinweise auf die geplanten Angriffe gehabt und am Vortag präventive Einsätze gestartet. Vorwürfe übermässiger Gewalt wies er zurück; die Sicherheitskräfte hätten Schaden an Zivilisten vermieden. Er warf den Militanten vor, sich unter Zivilisten zu verstecken und Kinder als menschliche Schutzschilde zu benutzen (Gulf News).
Die USA, die die BLA als ausländische Terrororganisation eingestuft haben, verurteilten die Angriffe. Die Geschäftsträgerin Natalie Baker bezeichnete die USA in einem Beitrag auf X als «verlässlichen Partner» Pakistans, berichtete Gulf News.
Gehört das zu einem Muster?
Die Angriffe erfolgten einen Tag, nachdem die Armee gemeldet hatte, bei Razzien gegen zwei Verstecke 41 Aufständische getötet zu haben. Bugti schrieb auf X, im vergangenen Jahr seien mindestens 700 Aufständische getötet worden (AP).
Abdullah Khan vom Pakistan Institute for Conflict and Security Studies in Islamabad sagte der AP, noch nie seien in Belutschistan an einem einzigen Tag so viele Militante getötet worden.
Was wir nicht wissen
- Die tatsächliche Opferzahl. Alle Zahlen stammen entweder von pakistanischen Behörden oder von der BLA. Beide Seiten haben Gründe, die Zahlen zu ihren Gunsten darzustellen, und die verwendeten Quellen haben sie nicht unabhängig überprüft.
- Wer die getöteten Militanten waren. Die Behörden gaben keine Aufschlüsselung der 145, und keine unserer Quellen konnte sie überprüfen.
- Das Schicksal der Gefangenen. Die BLA gibt an, 18 Sicherheitskräfte festzuhalten. Pakistan hat dies in den verwendeten Quellen nicht bestätigt.
- Ausländische Unterstützung. Pakistans Vorwürfe gegen Indien und Afghanistan sind in diesen Berichten nicht mit öffentlichen Beweisen belegt, und beide Länder haben ähnliche Vorwürfe früher zurückgewiesen.
Worauf zu achten ist
Bugti kündigte unablässige Einsätze an und sagte, die Regierung sei bereit, den Terrorismus wenn nötig über lange Zeit zu bekämpfen. Für die Zivilbevölkerung der Provinz ist die Frage, ob diese Einsätze Angriffe wie jenen in Gwadar seltener machen oder ob Gewalt in diesem Ausmass zur Regel wird.
Quellen
- AP via WSLS: Coordinated attacks in Pakistan kill 10 security personnel and dozens of insurgents (31. Januar 2026, aktualisiert)
- Gulf News: US backs Pakistan after coordinated terror attacks kill nearly 200 in Balochistan (1. Februar 2026)
- WION: 84 Pakistani security personnel killed in Operation Herof 2.0, BLA claims (31. Januar 2026)
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